Warum das Kind in der Polenta kocht, Gastpiel Sibiu, Theaterfestival, Martin Lejeune

Theaterfestival Sibiu – Ensemble 9.November

Wir spielen „Warum das Kind in der Polenta kocht“ beim Internationalen Theaterfestival in Sibiu (Hermanstadt, Rumänien) vom 25. bis 31. Mai 2005.

Martin Lejeune, Sibiu Theaterfestival

Zum Warmup die Wiederaufnahme im Gallustheater Ffm am 20/21.5.2005

Die Einladung zum Festival ist eine große Sache, eine weite Reise mit großer logistischer Herausforderung mit Erlebnissen und Eindrücken, die man nie wieder vergisst.

Presse:

Frankfurter Polenta in Europas Kulturhauptstadt zu Gast im fernen Hermannstadt: das Ensemble 9. November

HANS RIEBSAMEN, FAZ vom 31.5.05

Wo kocht das Kind in der Polenta? Die Frankfurter Theatergruppe „Ensemble 9. November‟ hat es herausfinden wollen und ist gen Osten gezogen. Wo könnte der wilder sein als jenseits der Wälder, in Transsylvanien, im Karpatenland Rumänien. Doch Vorsicht! Siebenbürgen ist keine Walachei, sondern achthundert Jahre altes Kulturland, seine Hauptstadt Sibiu, von seinen Gründern, den Siebenbürger Sachsen, Hermannstadt genannt, hat – zusammen mit Luxemburg – erreicht, was Frankfurt vergeblich erstrebt hat, nämlich zur Kulturhauptstadt Europas gekürt zu werden. 2007 ist es soweit. Die Frankfurter Küchenmannschaft unter den Chefköchen Helen Körte und Wilfried Fiebig hat schon jetzt an der Hermannstädter Kulturtafel etwas aufgetischt – nämlich einen süß-bitteren Maisbrei beim Internationalen Theaterfestival, auf welchem noch bis 5. Juni zwei Dutzend Theatergruppen aus einem Dutzend Ländern ihre Produktionen zeigen. Die Zutaten zu Körtes und Fiebigs Polenta a la Frankfurt hat die rumänischstämmige Autorin Aglaja Veteranyi bereitgestellt mit ihrer unter dem Titel „Warum das Kind in der Polenta kocht‟ erschienenen Lebensbeschreibung, die Körte zu einem Theaterstück gleichen Titels verarbeitet hat. Der Roman handelt von einer rumänischen Zirkusfamilie, die in den Westen flieht, dort aber fremd bleibt und auseinanderbricht. Also eigentlich gerade die richtige Geschichte für ein Land, dessen Bewohner ob der ökonomischen Misere scharenweise im Ausland einen meist kärglichen Lebensunterhalt verdienen müssen. In der Tat waren die Zuschauer angetan von Helen Körtes Inszenierung und der Bühnenleistung der Frankfurter Truppe, die Kritik sprach von einem der besten Festival-Beiträge. Das ist die kurze Version.

Die lange hat Monate vorher mit einem kräftezehrenden Orientierungslauf durch eine unüberschaubare Sponsorenlandschaft begonnen. Das Problem: Drei Schauspielerinnen, vier Musiker, vier Techniker, die Regisseurin Körte und der Bühnenbildner Fiebig nebst Dekorationen, Kostümen und Musikinstrumenten müssen ins ferne Hermannstadt gelangen. Auch wenn das Festival für Übernachtung und Essen aufkommt, braucht Theaterchefin Körte 15 000 Euro, um die Transport- und Personalkosten zu decken. Viel verlangen die Darsteller und Musiker zwar nicht, in der freien Theaterszene müssen sich alle äußerst bescheiden, aber nur mit Idealismus läßt sich der Magen nun einmal nicht stopfen. Frau Körte ist von Pontius zu Pilatus gerannt wegen dieser 15 000 Euro, am Ende ist Geld zusammengekommen dank der Hilfe treuer Freunde wie des Europabüros der Stadt Frankfurt, das mittlerweile Referat für internationale Angelegenheiten heißt, und der Fraport. Auch das Kulturdezernat und das hessische Kulturministerium haben kleinere Beträge gespendet, und als am Ende noch ein Rest fehlte, sprang das Steigenberger Airport-Hotel ein. Dies alles ist nicht ungewöhnlich, vielmehr Business as usual für freie Theatergruppen.

Maisbrei a la Frankfurt in Rumänien: Beim Internationalen Theaterfestival in Sibiu/Hermannstadt vertrat die Frankfurter Theatergruppe „ Ensemble 9. November‟ die Mainmetropole mit dem Stück „Warum das Kind in der Polenta kocht‟ nach der gleichnamigen Lebensbeschreibung der rumänischen Autorin Aglaja Veteranyi. Die drei Darstellerinnen, (von links) Katrin Schyns, Hanna Linde und Raja Siikavirta, lieferten eine starke Vorstellung ab. Die rumänischen Kritiker zeigten sich denn auch beeindruckt von Stück und Inszenierung.

Leben können Körte und Fiebig, diese beiden Theater- und Kunstbesessenen, nicht von ihren Produktionen. Die rund 35000 Euro, welche sie als eines von einem Dutzend fest geförderter Ensembles seit nunmehr zehn Jahren pro Saison vom Frankfurter Kulturdezernenten erhalten, reichen gerade einmal, um die Kosten von einer oder zwei Inszenierungen im Jahr zu decken. Beide müssen noch anderweitig dazuverdienen. Ihre Leidenschaft hat das nicht gebremst: Längst ist Körte eine Meisterin darin, aus wenig bis nichts ein Theateruniversum zu zaubern. „Man wird nicht reich mit Kunst – aber ohne Kunst ist man immer viel ärmer‟, lautet ihre Lebensphilosophie. Kunst? Sie steht immer erst am Ende. Ihr voraus geht Nervenbelastung – wie jetzt in Hermannstadt. Das wilde Transsylvanien, wo Körtes Truppe mittlerweile nach zehn Stunden Warten mit eingeschobenem Fliegen angekommen ist, macht seinem Namen alle Ehre. Die versprochenen Zimmer im Hotel Boulevard sind nicht reserviert, etwas genervt stehen die Theaterleute am späten Abend im Foyer des Hermannstädter Stadttheaters herum. Wie immer in Rumänien klappt die Sache dann doch noch. Theater? Offiziell ist das Kulturhaus der Gewerkschaften, wo die Frankfurter ihr Kind in der Polenta kochen sollen, ein solches. Doch als das Ensemble am nächsten Morgen die Bühne einrichten will, merken Körte und Mitstreiter schnell, daß die Bezeichnung Theater ein leichter Euphemismus ist. Gewiß: Es gibt einen Zuschauerraum und eine Bühne in diesem Schrotthaufen aus Kommunismus-Zeiten. Aber zu wenige Lampen, eine nur bescheiden zu nennende Maschinerie, keine Mikroports – um nur diese Hindernisse aufzuzählen. „So ist das halt bei Festivals‟, tröstet sich Körte. Als das Ensemble 1998 in Moskau und Jaroslawl das Stück „Nach Moskau, Teufel noch Eins!‟ aufführte, waren die Bedingungen noch schlechter.Kind in Angst: Wann stürzt die Mutter vom Zirkushimmel?

Dennoch: Ohne Leiter geht gar nichts. Eine Leiter muß her, damit die drei Schauspielerinnen auf ihre Trapeze steigen können, die jetzt endlich nach stundenlangen Verhandlungen mit einem bürokratisch hartleibigen Hausverwalter an den Stangen der Bühnenzüge hängen dürfen. Leider besitzt das Festival nur eine einzige Leiter, und die wird gerade anderswo gebraucht. So geht das weiter von morgens früh bis spät in die Nacht, die Frankfurter müssen alle ihre Improvisationskräfte mobilisieren, um das Theater in einen Zustand zu versetzen, der eine Vorführung des nicht nur künstlerisch, sondern auch technisch anspruchsvollen Stückes ermöglicht. Wie das „Ensemble 9. November‟ es nach kurzer Nacht und insgesamt 30 Stunden Aufbau und Probe innerhalb von zwei Tagen geschafft hat, rechtzeitig bereit für die Aufführung zu sein, bleibt ihr Geheimnis. Daß der Riesensaal im Gewerkschaftshaus um 21.30 Uhr recht gut gefüllt ist, obwohl praktisch keine Werbung für das . Stück gemacht worden war, bleibt hingegen das Geheimnis der Rumänen. Die vier Musiker unter Martin Lejeune, dem Jazz-Preisträger der Stadt Frankfurt von 2003, setzen ihre Instrumente an, und mit ihren ersten Takten verschwindet die Welt der grauen Widrigkeiten: Ein farbiger Zirkushimmel öffnet sich, drei Grazien sitzen auf Trapezen, die Geschichte vom Kind, das in der Polenta kocht, nimmt ihren Lauf. Text, Spiel, Choreographie, Artistik, Musik, Gesang, Film, Kunstobjekte: Die Verwendung all dieser künstlerischen Mittel ist die Spezialität von Körte und Fiebig. Eine so bunte, vieldimensionale, aber dennoch präzise gearbeitete Inszenierung hat man in zwölf Jahren Festival nur ganz selten gesehen, berichten Einheimische – das „Ensemble 9. November‟ erntet dafür nach zwei Stunden Aufführung begeisterten Beifall. Auf diese beiden Stunden haben Körte, Fiebig und die anderen aus der Truppe tagelang hingearbeitet, haben die Mühen einer strapaziösen Reise auf sich genommen, haben beim Aufbau bis zum Umfallen geschuftet. Jetzt sind diese zwei Stunden vorbei – und wiegen die Tage, Wochen, Monate der Einstudierung auf. Eine Nacht und ein Tag voll Euphorie folgen. Dann gehen die Gedanken zum nächsten Vorhaben. Fiebig arbeitet im Kopf schon eifrig an einem eintägigen Kunstprojekt, das im Herbst im Park des Frankfurter Museumsufers die Welt in Staunen versetzen soll. Vielleicht wird er ja damit 2007 in die Kulturhauptstadt Europas eingeladen. Seinen und Körtes Namen kennt man ja jetzt in Hermannstadt. Sie haben Frankfurt auf jeden Fall Ehre gemacht.

Helen Körte: Seit fast zwei Jahrzehnten freie Theaterregisseurin in Frankfurt. Wilfried Fiebig: Doktor der Philosophie und geborener Künstler.

 

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Warum das Kind in der Polenta kocht, Gastpiel Sibiu, Theaterfestival, Martin LejeuneBizarre Zirkuswelt, Frankfurter Ensemble spielte Aglaja Veteranyi

ANNA GALON
Hermannstädter Zeitung Nr. 1931/3. Juni 2005

Es scheint eine fröhliche Welt, in der die kleine Heldin lebt. Sie spielt mit farbenfrohen Seidentüchern – das blaue ist ihr Meer -, mit Riesenschuhen und Fächern. Sie schlägt Purzelbäume, schaukelt auf dem Trapez und tanzt durch das Zirkuszelt. Eine Welt in ständigem Wandel, die irgendwie doch die gleiche bleibt. Weil sie aus den stets gleichen Elementen wieder und wieder in jedem Land, in das die Zirkusfamilie reist, in anderer Form zusammengesetzt wird, neue Bausteine aber kommen nicht hinzu. „Warum das Kind in der Polenta kocht‟ lautet der Titel des Debütromans der aus Rumänien stammenden Schriftstellerin und Schauspielerin Aglaja Veteranyi. Darin erzählt die 1962 in einer Zirkusfamilie geborene Aglaja ihre Lebensgeschichte in einer erstaunlichen Sprache nach, scheinbar mit den einfachen Worten eines Kindes, die aber mal befremdlich und doch gefühlvoll, mal surreal und doch treffsicher, mal schillernd, mal brutal wirken, daß sie nur ein Erwachsener formuliert haben kann, der das Gefühlschaos einer wirren Kindheit noch in sich trägt. Wortstark war auch die Bühnenfassung, die das Frankfurter „Ensemble 9. November‟ am vergangenen Freitag im Gewerkschaftskulturhaus spielte. Die Regisseurin Helen Körte hatte den Roman für die Bühne dramatisiert und ist dabei nah am Text-Original geblieben. Ihr Schauspiel lebt von den Worten Veteranyis, die ungewöhnliche Perspektiven auf Menschen, Erlebnisse und Gefühle buchstäblich in die Köpfe der Leser – hier Zuhörer – malen. Körte hat aber nicht einfach eine Biographie nachspielen lassen, ihr Spiel ist ein farben- und formensattes Gesamtkunstwerk, dessen Szenen – mit Symbolen, Gesten und geometrischen Figuren aufgeladen – wie aus einem bizarren und seltsam intensiven Traum stammend wirken. Wie aus einem Traum, den man nach einer Zirkusvostellung träumen könnte. Eine ungewöhnliche Idee ist es, die Welt der kleinen Protagonistin so simpel wie tiefgründig durch zahlreiche bewegliche Treppenstufen darzustellen, die in jeder Szene vom stummen Darsteller Mikael Horstmann wie von Schicksals Hand zu anderen Skulpturen zusammengeschoben werden. Ein starkes Symbol: Die Welt der jungen Artistin bewegt sich ständig und besteht doch aus den immer gleichen Elementen, dem Reisen von einem Land zum anderen, dem Aufenthalt in einem der vielen „Auslande‟, der Sehnsucht nach der Heimat, der ständigen Angst um die Mutter, die an den Haaren von der Zirkuskuppel hängt. „Diese Elemente vermischen sich so sehr, daß man nicht mehr weiß wer man ist‟, meint Hanna Linde, die die Schwester der Protagonistin mimt. Die abstrahierende Symbolik in Kulisse und Handlung untermalt die Erzählung, wird aber nicht konkret, sie entrückt das Berichtete in eine Ebene zwischen geschehener Realität und nachhallender Erinnerung daran. Man möchte lachen über das was war, und doch bleibt einem das Lachen im Halse stecken – weil es war wie es war, ein stilles Grauen in einer lauten Zirkuswelt. Drei Darstellerinnen formen die Erzählung, neben Hanna Linde noch Raija Siikavirta (Aglaja) und Katrin Schyns (Mutter). Schyns bringt ein authentisches rumänisches Element ins Stück ein, indem sie – begleitet vom Orchester um Michael Lejeune – Lieder von Maria T„nase singt. Ohne die rumänische Sängerin imitieren zu wollen, kommt sie dem Vorbild in Intonation und Ausdruck sehr nahe. Dennoch habe man Angst gehabt, ob diese Einlagen in Rumänien gut ankommen würden. „Ich hatte das Gefühl, Rumänien „besitzt“ die T„nase. Aber unsere Darstellerin hat mit einer Wahrhaftigkeit gesungen, die wohl auch hier sehr gut angekommen ist‟, so Körte nach der Vorstellung. Das bewiesen allemal die stehenden Ovationen: Die deutsche Bühnenfassung fand im Geburtsland der Schriftstellerin Veteranyi großes Gefallen.

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